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Nun erheben auch die Sportler ihre Stimme


In Iran wurden immer wieder Athleten festgenommen und hingerichtet, die Einschüchterungen des Mullahregimes waren erfolgreich. Trotzdem solidarisieren sich auch nun wieder Sportler mit den Streikenden – etwa bekannte (ehemalige) Fussballer.

Ronny Blaschke, Berlin

Viele iranische Sportler solidarisieren sich dieser Tage mit den Protestierenden und Streikenden im Land.

Getty

Der iranische Kraftsportler Mehdi Zatparvar präsentierte in den sozialen Netzwerken gern seine Muskeln, aber jüngst war ihm das offenbar nicht mehr wichtig. «Wir wollen nur unsere Rechte», schrieb der zweimalige Weltmeister im Bodybuilding in der vergangenen Woche auf Instagram. «Die Stimme, die seit vierzig Jahren unterdrückt wird, muss laut werden.» Es war der letzte Post von Zatparvar. Am Freitag ist der Sportwissenschafter bei Protesten in der Stadt Rasht, im Nordwesten Irans, erschossen worden. Er wurde 39 Jahre alt.

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Die Massenproteste und Streiks, die sich seit dem 28. Dezember in der Islamischen Republik ausgebreitet haben, dauern an. Trotz einer seit Tagen anhaltenden Internetsperre wurde bekannt, dass mindestens 2000 Menschen von den Sicherheitsorganen getötet wurden. «Auch Sportler nutzen ihre Reichweite und solidarisieren sich mit den Demonstrierenden», sagt der deutsch-iranische Journalist Farid Ashrafian, der seit vielen Jahren den iranischen Sport beobachtet. «Das ist schon bemerkenswert, denn viele Sportler in Iran haben zuvor lange geschwiegen.»

Die Fussball-Nationalspieler haben ihren Kredit verspielt

Die Sportlerinnen und Sportler bringen ihre Ablehnung unterschiedlich zum Ausdruck. Das iranische Nationalteam der Futsal-Spielerinnen sagte ein Trainingslager ab. Der Basketballer Saleh Foroutan postete auf Instagram folgende Botschaft: «Ihr haltet Gewehre in den Händen und zeigt keine Gnade, egal, ob jung oder alt, und wir sollen glauben, dass ihr Nuklearenergie nur für friedliche Zwecke nutzen wollt?»

«Der Spitzensport in Iran ist eng mit den Revolutionswächtern verknüpft», sagt Ashrafian, der unter anderem für die Deutsche Welle arbeitet. «Athleten, die sich politisch äussern, stehen massiv unter Druck.» Wie das aussehen kann, zeigte sich jüngst während der Fussball-Asienmeisterschaft der U-23-Teams in Saudiarabien. Vor ihrem ersten Spiel gegen Südkorea hielten sich die iranischen Spieler in den Armen und verweigerten das Singen der Landeshymne. Doch vor ihrem zweiten Spiel gegen Usbekistan und ihrem dritten gegen Libanon sangen sie wieder.

Der Fussball steht besonders im Fokus. In einer gespaltenen Gesellschaft galt das iranische A-Nationalteam lange als ein Symbol, mit dem sich die unterschiedlichen politischen und konfessionellen Gruppen identifizieren konnten, im Inland ebenso wie in der Diaspora. «Diesen Kredit haben die Nationalspieler verspielt, weil sie sich während der Proteste 2022 nicht klar positioniert haben», sagt Farid Ashrafian.

Nach dem gewaltsamen Tod der 22-jährigen Kurdin Jina Mahsa Amini entluden sich im September 2022 die am längsten andauernden Proteste seit der Islamischen Revolution im Jahr 1979. Mehrere hundert Menschen wurden getötet, rund 15 000 Personen festgenommen.

Zwei Monate nach dem Ausbruch der Proteste fand in Katar die Fussball-WM 2022 statt. Die iranischen Nationalspieler verweigerten vor ihrem ersten WM-Spiel das Singen der Hymne, doch vielen Fans reichte das nicht. In den katarischen Stadien hielten Exilanten Plakate mit dem Protest-Slogan «Frauen, Leben, Freiheit» hoch. Es kam zu Handgreiflichkeiten zwischen regimetreuen auf der einen und regimekritischen Zuschauern auf der anderen Seite. Letztere bejubelten sogar die Niederlage Irans gegen die USA.

Einer der wenigen prominenten Fussballer, die sich klar gegen Polizeigewalt aussprachen, war der kurdischstämmige Abwehrspieler Vouria Ghafouri. Er hatte bis 2019 für das iranische Nationalteam gespielt. Ghafouri, der offenbar wegen seiner regimekritischen Haltung nicht für die WM in Katar nominiert worden war, wurde während des Turniers im November 2022 in Iran vorübergehend festgenommen. Auch das konnte man als Einschüchterung der damaligen Nationalspieler und ihrer Familien interpretieren.

«Wir stehen an der Seite der Unterdrückten»

Nun, bei den gegenwärtigen Protesten, forderte Vouria Ghafouri Geschäfte und Cafés zur Schliessung auf, aus Solidarität mit den Streikenden. Unter den gegenwärtigen Nationalspielern verbreiteten Alireza Jahanbakhsh und Sardar Azmoun Solidaritätsbotschaften. Und Mehdi Taremi, der bei Olympiakos Piräus spielt, verzichtete in der griechischen Liga nach einem Tor auf den Jubel.

Besonders auffällig war die Stellungnahme von Heshmat Mohajerani. Unter dem langjährigen Trainer hatte Iran 1978 zum ersten Mal an einer WM teilgenommen. Mohajerani, 86 Jahre alt, der sich politisch stets zurückhielt, formulierte es nun so: «Wir stehen an der Seite der Unterdrückten.»

Werden sich auch andere bekannte Persönlichkeiten zu Wort melden? Wegen der amerikanischen Sanktionen gegen die Islamische Republik hat der iranische Fussballverband Probleme auf der Suche nach Sponsoren. Die WM findet im Sommer ausgerechnet in den USA statt. In der ersten Amtszeit von Donald Trump hatte die amerikanische Regierung 2019 die Revolutionswächter als Terrororganisation eingestuft. «Einige Nationalspieler haben ihren Wehrdienst bei den Revolutionswächtern geleistet», sagt der Iran-Experte Ashrafian. «Es ist möglich, dass sie nun zur WM nicht in die USA einreisen dürfen.»

Schon zur Auslosung der Vorrundengruppen im Dezember wurde etlichen iranischen Vertretern ein Visum verweigert. Der Weltfussballverband Fifa will vermitteln; der iranische Nationaltrainer Amir Ghalenoei ist auf der Suche nach alternativen Nationalspielern. Sollten die USA, wie von Donald Trump angedroht, militärisch aktiv werden in Iran, ist allerdings schwer vorstellbar, dass die iranische Mannschaft überhaupt an der WM antritt.

Und wenn sich das Regime am Ende doch hält? «Diese Unruhen werden bald ein Ende haben», schrieb die staatliche Nachrichtenagentur Fars. «Aber die eigentliche Bewährungsprobe für die Funktionäre beginnt danach – wenn sie zeigen müssen, dass Aufrufe zum Chaos eine entschlossene Reaktion nach sich ziehen.» Das klang nicht wie eine Nachrichtenmeldung. Sondern wie eine Drohung.



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